NMN, NR, Nicotinamid. Drei Nahrungsergänzungsmittel, die zum Symbol der Verjüngungs- und Lebensverlängerungsbewegung geworden sind. Millionen Menschen weltweit nehmen sie ein, um „NAD+ zu erhöhen“, das zelluläre Molekül, das mit dem Alter abnimmt und mit Energie, DNA-Reparatur und normalem Stoffwechsel in Verbindung gebracht wird. Aber eine neue Studie der Case Western Reserve University, veröffentlicht in Cancer Letters, zeigt eine dunkle Seite, über die bisher niemand gesprochen hat: Krebszellen könnten dasselbe NAD+ nutzen, um Chemotherapie-Behandlungen zu überleben.
Warum ist das wichtig?
Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der tödlichsten Krebsarten mit einer Überlebensrate von nur 13 % nach 5 Jahren. Das Team von Prof. Jordan Winter an der Case Western, der auch Co-Leiter des therapeutischen Entwicklungsprogramms am dortigen umfassenden Krebszentrum ist, wollte verstehen, warum Tumore resistent gegen Chemotherapie werden. Während der Untersuchung machten sie eine beunruhigende Entdeckung.
Die drei getesteten Präparate
Die Forscher testeten die drei häufigsten Formen von NAD+-Vorläufern in Nahrungsergänzungsmitteln:
- NMN (Nicotinamid-Mononukleotid), das nach der Forschung von David Sinclair zum Symbol der Verjüngungspräparate wurde
- NR (Nicotinamid-Ribosid), eine besonders in den USA beliebte Form
- NAM (Nicotinamid), die klassische Form von Vitamin B3
Wie Krebszellen Ihr Präparat „kapern“
Das Team versorgte Krebstumore mit Mengen, die der Einnahme eines täglichen Präparats durch einen Menschen entsprechen, und entdeckte drei parallele Mechanismen, durch die die Präparate die Chemotherapie abschwächen:
- Energiesteigerung. Die Präparate erhöhen die Energie der Krebszellen, was die Tumore stärker und widerstandsfähiger macht. Krebszellen ernähren sich energetisch von NAD+ und nutzen es zur Aufrechterhaltung ihrer Mitochondrien, zur Beschleunigung der Zellteilung und des Wachstums
- Reduzierung von oxidativem Stress im Tumor. Chemotherapie tötet Krebszellen unter anderem durch oxidativen Stress. Das NAD+ neutraliert einen dieser Schlüsselmechanismen der Chemotherapie und dämpft ihre Fähigkeit, die Krebszelle zu schädigen
- Unterdrückung von DNA-Schäden und Zelltod. Die Chemotherapie ist darauf angewiesen, DNA-Schäden zu verursachen und programmierten Zelltod (Apoptose) auszulösen, um zu wirken. Das NAD+ unterdrückt genau diesen Prozess: Es hilft, die DNA-Schäden zu reparieren und die Todessignale zu blockieren, sodass die Krebszelle überlebt und sich weiter teilt
„Unsere Ergebnisse unterstreichen eine potenziell besorgniserregende Rolle von NAD+-Präparaten im Zusammenhang mit aktivem Krebs, insbesondere wenn sie zusammen mit einer Chemotherapie eingenommen werden“, fasst Prof. Winter zusammen. „Diese Studie ist eine wichtige Erinnerung: ‚Natürlich‘ bedeutet nicht immer ‚sicher‘, insbesondere in der komplexen Biologie der Krebsbehandlung.“
Wichtig zu verstehen: Das macht die Präparate nicht giftig
Ein entscheidender Punkt: Die Studie legt nicht nahe, dass NAD+-Präparate für gesunde Menschen gefährlich sind. Im normalen Leben hilft NAD+ gesunden Zellen, besser zu funktionieren. Das Problem tritt nur auf, wenn:
- aktiver Krebs im Körper vorhanden ist
- eine Person sich in Chemotherapie befindet
- möglicherweise (noch nicht untersucht) auch bei versteckten, noch nicht diagnostizierten Krebserkrankungen
Praktische Empfehlungen
Basierend auf der Studie empfehlen die Forscher:
- Patienten mit aktivem Krebs: Die Einnahme von NMN/NR/NAM-Präparaten einstellen und vor einer Wiederaufnahme den Onkologen konsultieren
- Krebsüberlebende: Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt vor Beginn der Einnahme führen
- Familiäre Krebsvorgeschichte: Regelmäßige Untersuchungen werden empfohlen
- Völlig Gesunde: Die Präparate gelten als sicher, aber es gibt keine Langzeitstudien zur dauerhaften Einnahme
Die Forscher fordern außerdem eine „Überprüfung der Präparateeinnahme“ als routinemäßigen Bestandteil der Datenerhebung bei allen Krebspatienten sowie weitere klinische Studien zur Wechselwirkung zwischen NAD+-Präparaten und Krebstherapien.
Breiterer Kontext: Warum das für jeden relevant ist, der Präparate einnimmt
Diese Studie ist ein Beispiel für das, was Forscher im Bereich des Alterns als „NAD+-Paradoxon“ bezeichnen: Derselbe Mechanismus, der gesunden Zellen hilft, jung zu bleiben, kann Krebszellen helfen, sich auszubreiten. Die große Frage, die noch offen ist: Können wir selektive Präparate entwickeln, die nur gesunden Zellen helfen?
Bis die Antwort kommt, bleibt die goldene Regel: Jedes „Anti-Aging“-Präparat sollte im Kontext der persönlichen Krankengeschichte geprüft werden. Nicht alles, was für den einen gut ist, ist auch für alle gut.
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