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Gehirn

Nardilysin und OGDHL: Zwei seltene Gene, die ein Puzzlestück zur Hirnalterung hinzufügen

Zwei Jugendliche, die nicht gehen, essen oder sprechen können. Zwei seltene Gene, die zuvor niemand miteinander in Verbindung gebracht hatte. Ein Team des Baylor College of Medicine löst das Rätsel und entdeckt einen Signalweg, der auch Licht auf die Hirnalterung werfen könnte.

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Wie kann man die Hirnalterung verstehen, die Jahrzehnte dauert? Manchmal ist der beste Weg, von jungen Patienten zu lernen, die sie in beschleunigter Form zeigen. Ein internationales Team des Texas Children's Hospital und des Baylor College of Medicine unter der Leitung von Prof. Hugo Bellen untersuchte zwei junge Patienten mit schweren neurodegenerativen Symptomen, die niemand diagnostizieren konnte. Sie veröffentlichten in Neuron ihre Ergebnisse, die nicht nur das Rätsel lösten, sondern eine Kombination von Mechanismen offenbarten, die auch helfen könnte, die normale Hirnalterung zu verstehen.

Die Patienten: Zwei Fälle, eine Diagnose

Zwei Jugendliche aus verschiedenen Teilen der Welt kamen mit ähnlichen Symptomen zur genetischen Untersuchung:

  • Unfähigkeit zu gehen
  • Unfähigkeit, selbstständig zu essen
  • Sprachlosigkeit
  • Fortschreitende Verkleinerung des Gehirns (erworbene Mikrozephalie)
  • Allmählicher Abbau motorischer und kognitiver Funktionen

Beide funktionierten bei der Geburt normal und begannen dann im Laufe der Kindheit und Jugend allmählich abzubauen. Standard-Gentests zeigten etwas Merkwürdiges: Beide Patienten trugen Mutationen in verschiedenen Genen. Der eine in NRD1 (Nardilysin), der andere in OGDHL. Kein Test hatte diese beiden Gene zuvor miteinander in Verbindung gebracht.

Der Zusammenhang: Beide beeinträchtigen denselben Stoffwechselweg

Das Team um Bellen verwendete einen multi-omischen Ansatz – sie untersuchten, was passiert, wenn die Gene bei Fruchtfliegen, Mäusen und menschlichen Zellen im Labor entfernt werden. Die Ergebnisse fügten sich zu einer einzigen Geschichte zusammen:

  1. NRD1 (Nardilysin) befindet sich in den Mitochondrien. Es fungiert als mitochondrialer Co-Chaperon, also als Hilfsprotein, das bei der korrekten Faltung anderer Proteine hilft. Seine Hauptaufgabe hier: Unterstützung bei der Faltung der α-Ketoglutarat-Dehydrogenase (OGDH), einem Schlüsselenzym (geschwindigkeitsbestimmend) im Krebs-Zyklus.
  2. OGDHL ist ein Paralog von OGDH, also ein verwandtes Gen aus derselben Familie, das ein ähnliches Enzym kodiert. Daher führen eine Schädigung von OGDHL (beim zweiten Patienten) und eine Beeinträchtigung der Faltung von OGDH (wenn Nardilysin beim ersten Patienten fehlt) zum gleichen Defekt: Die Zellen können α-Ketoglutarat nicht richtig verarbeiten.
  3. α-Ketoglutarat reichert sich an in den Zellen. Normalerweise wird es im Krebs-Zyklus weiterverarbeitet. Wenn es sich anreichert, aktiviert es mTORC1 – den "Wachstumsschalter" der Zelle.
  4. mTORC1 aktiviert die Proteinsynthese und hemmt die Autophagie (zelluläre Reinigung). Dies ist eine Katastrophe für Neuronen, die auf Autophagie angewiesen sind, um sauber zu bleiben.
  5. Neuronen sammeln Abfall an, verlieren ihre Funktion und sterben schließlich ab. Neurodegeneration.
Zwei verschiedene Gene, ein Signalweg. Und sobald man den Signalweg versteht, eröffnet sich eine prinzipielle Behandlungsmöglichkeit.

Die Lösung: Rapamycin linderte die Symptome

Rapamycin (Sirolimus) ist ein bekanntes Medikament, das den mTORC1-Signalweg unterdrückt. Es wird bei Organtransplantationen als Immunsuppressivum eingesetzt. Die Forscher fragten: Wenn das Problem bei den Patienten ein überaktiver mTORC1 ist, würde Rapamycin dann helfen?

Sie testeten dies an Fruchtfliegen mit den Mutationen. Das Ergebnis war vielversprechend:

  • Die unbehandelten Fliegen starben jung an Verlust der Nervenfunktion
  • Die mit Rapamycin behandelten Fliegen zeigten eine teilweise Umkehrung der Degenerationssymptome
  • Die Neurodegeneration verlangsamte sich und ein Teil der Funktion blieb über einen längeren Zeitraum erhalten

Dies ist noch keine Humanmedizin, aber ein Prinzipienbeweis: Die Unterdrückung von mTORC1 durch Rapamycin (oder die teilweise Wiederherstellung der Autophagie) verlangsamt teilweise die Neurodegeneration, die durch den NRD1/OGDHL-Signalweg verursacht wird.

Warum könnte dies für alle relevant sein?

Diese Patienten sind sehr selten, aber der Signalweg, den sie aufdecken, ist nicht selten. Die Forscher vermuten, dass der Befund eine Verbindung zwischen der seltenen Krankheit und breiteren Hirnalterungsprozessen herstellt, und aus der allgemeinen Alterungsliteratur ergibt sich ein ähnliches Bild:

  • Die mitochondriale Funktion nimmt mit dem Alter ab und kann Enzyme des Krebs-Zyklus, einschließlich OGDH, beeinträchtigen
  • Überaktivität von mTORC1 gilt als ein zentrales Merkmal des Alterns und wurde in Studien mit Alzheimer und Parkinson in Verbindung gebracht
  • Schlechte Autophagie bei älteren Menschen ermöglicht die Ansammlung von Hirnschlacke

Mit anderen Worten: Es ist möglich, dass die extremen Symptome der Patienten einen Teil dessen, was beim normalen Altern geschieht, in übersteigerter Form zeigen, obwohl diese spezifische Studie diesen Zusammenhang für das normale Altern nicht bewiesen hat – sie untersuchte eine seltene genetische Erkrankung. Die Verbindung zum Altern ist eine Hypothese, die auf weiteren Alterungsstudien basiert, nicht ein direkter Befund dieser Arbeit.

Rapamycin als Anti-Aging-Medikament?

Dieser Zusammenhang erklärt einen Teil des großen Interesses an Rapamycin als potenziellem Anti-Aging-Medikament. Bei Mäusen ist Rapamycin eines der wenigen Medikamente, das in kontrollierten Studien konsistent die Lebensdauer verlängert hat. Der vermutete Grund: Es unterdrückt mTORC1, ermöglicht der Autophagie zu arbeiten und verlangsamt die Ansammlung von Abfall in Geweben, einschließlich des Gehirns. Es ist wichtig zu betonen, dass dies ein breiterer Hintergrund zu Rapamycin und dem mTOR-Signalweg ist und kein Befund der NRD1/OGDHL-Studie selbst.

Aber Rapamycin ist kein Medikament ohne Nachteile:

  • Es unterdrückt das Immunsystem. Risiko für Infektionen
  • Es kann den Glukose- und Fettstoffwechsel beeinträchtigen
  • Langzeitwirkungen beim Menschen sind noch unklar

In Humanstudien wird ein niedrig dosierter, nicht-kontinuierlicher Rapamycin-Ansatz (z. B. einmal pro Woche statt täglich) untersucht, um Vorteile mit weniger Nebenwirkungen zu erzielen. Dies ist ein aktives Forschungsgebiet im Anti-Aging-Bereich, keine zugelassene Behandlung.

Was kann man ohne Medikamente tun?

Auch ohne Rapamycin kann man die Autophagie fördern und die mTORC1-Aktivität auf natürliche Weise senken:

  • Intervallfasten: Begrenzte Essensfenster (z. B. 16/8 oder 18/6) fördern die Autophagie
  • Körperliche Aktivität: Insbesondere Krafttraining balanciert mTORC1 aus (erhöht es vorübergehend, verbessert aber die Gesamtregulation)
  • Moderate Kalorienrestriktion: Eine bescheidene Kalorienreduktion senkt die mTORC1-Aktivität
  • Nicht zu viel Protein: Eine Aufnahme von etwa 1,2-1,6 g/kg reicht für die meisten von uns. Ein dauerhafter Proteinüberschuss aktiviert mTORC1 ständig
  • Grüner Tee und Kaffee: Enthalten Verbindungen, die mit einer Senkung der mTORC1-Aktivität in Verbindung gebracht wurden (EGCG, Chlorogensäuren)

Forschungsperspektiven

Die Entdeckung von Bellen und seinem Team öffnet die Tür für weitere Studien. Wenn NRD1 und OGDH/OGDHL im Fokus stehen, könnte es möglich sein, spezifischere Medikamente als Rapamycin zu entwickeln, die auf diesen Signalweg abzielen. Es wird an Molekülen geforscht, die OGDH stabilisieren, ohne die gesamte mTORC1-Aktivität global zu unterdrücken.

Dies ist ein Beispiel dafür, was in der medizinischen Forschung im modernen Zeitalter gut ist: Die Vertiefung in seltene Krankheiten führt manchmal zu Erkenntnissen, die auch zum Verständnis häufiger Prozesse beitragen können.

Quellen und Zitate

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