Wir wissen, dass körperliche Aktivität gut für das Gehirn ist. Dass die mediterrane Ernährung hilft. Aber es stellt sich heraus, dass es einen weiteren, vielleicht überraschenderen Faktor gibt, der mit einem jünger aussehenden Gehirn verbunden ist: kreative Betätigung. Eine groß angelegte internationale Studie, die im Oktober 2025 in Nature Communications veröffentlicht wurde, untersuchte Experten in vier verschiedenen kreativen Bereichen und fand heraus, dass anhaltende kreative Betätigung mit einem jüngeren "Gehirnalter" verbunden ist. Das Wichtigste: Der Vorteil hing nicht von der Art der kreativen Aktivität ab. Alle Bereiche zeigten dasselbe Muster.
Wie das Gehirnalter gemessen wurde
Die Studie wurde von Forschern des Global Brain Health Institute und des Trinity College in Dublin zusammen mit der Universidad Adolfo Ibáñez und dem BrainLat-Zentrum in Chile durchgeführt. Das Team analysierte Daten von 1.472 Teilnehmern aus 13 Ländern (darunter Argentinien, Kanada, Deutschland, Polen, Brasilien, Irland, Italien, Griechenland, Türkei und andere).
Anstelle von strukturellen MRT-Scans oder Blut-Methylierungstests verwendete die Studie ein völlig anderes Werkzeug: funktionelle Konnektivität des Gehirns, gemessen mit M/EEG, also einer Kombination aus Magnetoenzephalographie (MEG) und Elektroenzephalographie (EEG). Beide Methoden messen die elektrische und magnetische Aktivität des Gehirns und ermöglichen es, zu kartieren, wie verschiedene Bereiche miteinander kommunizieren.
Auf der Grundlage der Konnektivitätsmuster wurde ein Algorithmus des maschinellen Lernens trainiert, um das Alter vorherzusagen. So entstand eine "Gehirnuhr", die das vorhergesagte Alter des Gehirns mit dem tatsächlichen chronologischen Alter vergleicht. Eine negative Abweichung, d.h. ein Gehirn, das jünger aussieht als das Alter im Personalausweis, gilt als positives Zeichen.
Das Hauptergebnis: Jede kreative Aktivität ist mit einem jüngeren Gehirn verbunden
Das Team analysierte Experten in vier kreativen Bereichen und verglich sie mit passenden Teilnehmern, die keine Experten waren:
- Bildende Künstler (Malerei und Zeichnung)
- Tango-Tänzer
- Musiker (Instrumentalisten und Sänger)
- Strategiespieler (StarCraft II-Spieler)
In allen vier Bereichen zeigten die Experten ein jüngeres "Gehirnalter" als ihr chronologisches Alter. Im Durchschnitt betrug die Differenz zwischen Experten und Nicht-Experten etwa 5 bis 7 Jahre.
Es ist wichtig zu verdeutlichen: Die Effektstärke wurde in statistischen Begriffen (Cohen's d) gemessen, nicht in genauen Jahren für jeden Bereich einzeln. Nach diesem Maß zeigten die bildenden Künstler den größten Effekt (d von etwa 1,04), gefolgt von den Tango-Tänzern (etwa 0,77), den Spielern (etwa 0,63) und den Musikern (etwa 0,60). Aber der Kernpunkt der Studie ist nicht, welcher Bereich "gewinnt". Der Vorteil für das Gehirnalter war über alle Bereiche hinweg konsistent und unabhängig von der Art der kreativen Aktivität.
"Kreativität erweist sich als ein mächtiger Faktor für die Gehirngesundheit, vergleichbar mit körperlicher Aktivität oder Ernährung." - Dr. Agustín Ibáñez
Warum gerade Kreativität?
Die Forscher vermuten, dass der gemeinsame Nenner aller kreativen Aktivitäten darin besteht, dass sie das Gehirn auf komplexe und multisystemische Weise herausfordern. Kreative Betätigung kombiniert in der Regel mehrere Anforderungen gleichzeitig:
- Ständiges Lernen: Kontinuierliche Verbesserung, nicht nur mechanische Wiederholung derselben Handlung
- Integration von Gehirnsystemen: Tanzen erfordert Koordination, Musik kombiniert Hören und motorische Planung, Zeichnen verbindet Sehen mit Bewegungsgenauigkeit
- Flexible Entscheidungsfindung: Umgang mit sich ändernden Situationen, nicht die Ausführung eines festen Skripts
In der Analyse der Konnektivitätsmuster konzentrierten sich die auffälligsten Unterschiede zwischen Experten und Nicht-Experten auf frontoparietale Knotenpunkte (frontoparietal hubs), Bereiche, die bekanntermaßen besonders anfällig für Alterung sind. Diese Bereiche sind mit Aufmerksamkeit, motorischer Koordination und visueller Informationsverarbeitung verbunden. Mit anderen Worten: Kreativität war mit der Stärkung genau der Bereiche verbunden, die mit zunehmendem Alter tendenziell nachlassen.
Auch kurzes Training zeigte einen Effekt
Ein Teil der Studie war experimentell und nicht nur beobachtend. Eine Teilstudie untersuchte Teilnehmer, die etwa 30 Stunden Training im Strategiespiel StarCraft II absolvierten, verteilt über mehrere Wochen (etwa fünf bis zehn Stunden pro Woche).
Auch nach einer relativ kurzen Zeit wurde eine moderate Veränderung in Richtung eines jüngeren "Gehirnalters" gemessen (eine Differenz von etwa 3 Jahren). Allerdings war der Effekt kleiner als der bei den Experten, die über viele Jahre Erfahrung verfügten. Diese Zahl ist wichtig, da sie die experimentelle Seite der Studie darstellt und darauf hindeutet, dass auch ein Neuanfang mit einer messbaren Veränderung verbunden sein könnte.
"Eine unserer wichtigsten Schlussfolgerungen ist, dass man kein Experte sein muss, um von Kreativität zu profitieren." - Dr. Carlos Coronel
Was das nicht bedeutet
Es ist ratsam, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Der Großteil der Studie verglich erfahrene Experten zu einem einzigen Zeitpunkt mit Nicht-Experten. Ein solcher Vergleich ist eine Korrelation, kein Beweis für Kausalität. Es ist möglich, dass Menschen mit einem von Natur aus "jüngeren" Gehirn eher zu kreativer Betätigung hingezogen werden und dabei bleiben, und nicht nur, dass die Kreativität das Gehirn verjüngt hat.
Der experimentelle Teil (das StarCraft II-Training) stärkt die Richtung eines möglichen Zusammenhangs, aber es handelt sich um eine kleine Stichprobe und einen kurzen Zeitraum. Daher ist die vorsichtige Formulierung: Kreative Betätigung ist verbunden mit einem jünger aussehenden Gehirn, nicht unbedingt, dass sie dies verursacht.
Es ist auch wichtig zu bedenken, dass das Maß hier das "Gehirnalter" ist, das aus der M/EEG-Konnektivität abgeleitet wurde. Dies ist ein Forschungsindikator für die Gehirngesundheit, kein medizinischer Test und keine Vorhersage für eine bestimmte Krankheit.
Was man daraus mitnehmen kann
Auch ohne zu kausalen Schlussfolgerungen zu springen, stimmt das Gesamtbild mit dem überein, was bereits über ein gesundes Gehirn bekannt ist: Vielfältige und herausfordernde kognitive Stimulation ist gut für das Gehirn. Einige praktische und ausgewogene Punkte:
- Wählen Sie eine kreative Betätigung, die Sie interessiert, und bleiben Sie dabei. Tanzen, Musizieren, Malen, Fotografieren, Schreiben, komplexes Stricken oder kreatives Gärtnern – all das kombiniert Lernen und flexible Entscheidungen.
- Suchen Sie Herausforderung, nicht Routine. Wenn die Aktivität völlig automatisch geworden ist, können Sie den Schwierigkeitsgrad erhöhen oder den Stil ändern.
- Sie müssen kein Experte sein. Laut den Forschern selbst können auch diejenigen, die spät beginnen, profitieren. Es gibt kein "Startalter".
- Es ergänzt, ersetzt nicht. Kreative Betätigung ist eine Ergänzung zu einem gesunden Lebensstil (Bewegung, Schlaf, Ernährung und soziale Kontakte), kein Ersatz für einen davon.
Das Fazit der Studie ist optimistisch und einfach: Kreativität in ihren verschiedenen Formen ist mit der Gehirngesundheit verbunden, und dies kann in jedem Alter geübt werden.
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